Kunst, Landschaft und Spiritualität

Okt 2018

Diese Schlagworte setzte mein Freund in Bezug zu meinen künstlerischen Arbeiten, woraufhin ich ihn bat, ein paar Sätze darüber zu verlieren. Einen Tag zuvor schickte er mir einen Bericht über »what animals taught him how to be a good creature«– woraus mir diese Zeile ins Gesicht sprang: »Perhaps holiness is nothing other than the capacity for finding loveliness in all things« (Sy Montgomery, www.brainpickings.org) Auf der großen Suche nach Gehalt in meinen Arbeiten, die philosophisch gesehen dem Materialismus verschrieben sind, nämlich sich in ihrem Prozess verändern und entwickeln, je nach dem, was das Werk mir gerade an Ideen liefert, ist es umso schwerer diesen Prozess in verständliche Worte zu fassen. Viel einfacher stelle ich es mir vor einen philosophischen Idealismus darzulegen. Ein kognitiv erdachter Vorderhirngedanke, der in künstlerischer Form seine Umsetzung findet. So ist das aber bei mir nicht. Und da ich mich die letzten Tage mit Beuys und der Prozesshaftigkeit seiner genutzten Materialien befasste sowie an einer gewissen Identifikation mit seiner Tiersymbolik, genaugenommen dem Hasen nicht vorbeikam, habe ich mich auch bei Steiner’s Anthroposophie und dem Glaube an eine »seelische« Gesellschaftsveränderung wiedergefunden. So peinlich mir das auch alles ist, so weltfremd ich die Herren gerne abtun würde, gibt es diverse Überschneidungspunkte in ihren Ansichten, mit denen ich bei dieser Auseinandersetzung räsoniere, und die ich in meiner eigenen künstlerischen Auseinandersetzung wiederfinde.

So gesehen gibt es auch in meiner Sehnsucht den »ganzheitlichen« Anspruch des Menschseins auf die Malerei anzuwenden – sei es in meinen Paint-Dance-Bildern, die aus einer meditativen Haltung heraus sich in eine Yoga-Modern-Dance-Trance-ähnliche Kombination aus Körperausdruck auf der auf dem Boden liegenden Leinwand ausdrückte. Für die Tiersymbolik muss ich noch ein bisschen mehr ausholen, ein Narrativ erstellen, ist das Ganze doch weniger aus einem einzelnen Gedanken entwickelt worden, sondern hat sich von alleine entwickelt und vertieft. Und vielleicht ist das Narrativ schon auch ein Teil dessen, was mir in meinem eigenen akademischen Emanzipationsprozess begegnet ist, nämlich wieder die kindliche Lust ans kreative Werk zu lassen:

mit der Sehnsucht nach einer sinnstiftenden, gehaltvollen und gesellschaftlich relevanten künstlerischen Aufgabe im Gepäck – einen Beitrag leisten zur Schaffung einer neuen kulturellen Identität jenseits von Nationalismus – kehrte ich frisch aus meiner dreimonatigen USA-Reise im November 2016 zurück nach Deutschland. Dort hatte ich an einem Samstagabend bei meinem Patenkind heulend an die Tür geklopft, von einer »inneren-Kind«-Meditation mit meiner tiefen inneren Einsamkeit konfrontiert. Zum Abschied der Meditation durfte ich mir noch eine »Krafttierkarte« nehmen, und zog den »Lachs« mit der Vermerkung »Verjüngung«. Als 17jährige hatte ich ein Auslandsjahr in Kansas verbracht, aus das ich mit einer Abkehr von politischem Engagement und einer Hinwendung zur Kunst zurückkehrte – war das verbindende Element mit den Menschen dort doch die gemeinsamen Werte statt politischer Haltung gewesen. Mit dem zurechtgerückten Selbstbild von bewiesenem Großmut statt dem harten Urteil mangelnden Rückgrats, konnte ich 18 Jahre später meinen Frieden mit meiner Hinwendung zur Kunst finden – nicht als reine Flucht nach innen, sondern als Ausdruck einer eigenen Stimme. Auf der Fahrt im Auto zu meiner Nichte hatte ich mir die überspielte Kassette meiner damaligen und bis heute ältesten Freundinnen angehört und die Tränen kullerten voller Rührung, mit ihren Wünschen und jugendlichen Kommentaren und unserer damaliger Lieblingslieder – »The End« von the Doors hatten sie mir zum Abschied in der Dorfdisko die ganzen 11 Minuten gespielt. Mit diesem bewegten Innenleben verbrachte ich den Abend im Spiel mit meiner Nichte, die bereits »Zirkus«-Plakate für die Großeltern im Haus aufgehängt hatte. Vom exotischen Siedler-Brettspiel inspiriert, erfand ich um ein paar gemeinsame Acro(batic-)yoga-Übungen herum die Geschichte eines Papageien, der mit grauen Federn versehen von bunten Federn träumt, und dabei auf dem Weg ans Ende der Welt, das Fliegen lernt. Unterstützung findet er von vielerlei anderen Tieren -Eule, Hase, Delfin, Lachs – und so fand nach und nach die Tierwelt spielerisch Einzug. Ich begann zu zeichnen, malen, skizzieren, aquarellieren – und diese Geschichte auszuformulieren, ein Fühlbuch für meinen Neffen zu erstellen, und schließlich selbst den Jakobsweg der Nordküste zu begehen, mit dem Bewusstsein, dass ähnlich wie der Papagei, erst über Berge ans Ende der Welt gelangen wird -so wie ich die Ankunft in Finisterre, der europäischen Festlandgrenze entgegensah. Ein halbes Jahr zuvor hatte ich den Sehnsuchtstraum eines Malateliers an der Küste Finisterres aus- und weitergesponnen, wo ich mich surfend und malend im Einklang mit der Natur verbunden fühlen sollte. Auf diesem ausformulierten Traum folgte die Kindergeschichte, worauf die tatsächliche Reise folgte. Die 1,5 monatige Fußpilgerreise selbst wurde zur Erkundung europäischer, nordspanischer Küstenlandschaft mit jeweiliger natürlicher Tierbegegnung. Zugleich fand ich mich vor prähistorischen Höhlenmalereien von Hirschkühen wieder, und lernte wenig später in der Albergue einer Archäologin, die Hauptthese der Nutzung dieser Wandmalereien als Darlegung schamanischer Handlungen – spätestens ab da googelte ich die schamanische Bedeutung meiner Kindergeschichtentiere, und fand in ihrer Deutung doch für mich selbst Kraft und Hoffnung, ja quasi spirituelle Begleitung auf meinem eigenen Weg in der Suche nach Verbundenheit.

Fast Forward ein Jahr – Unzählige Bilder von Tieren schmücken Aquarelle, und ehemalige Paint-Dance-Bilder werden Heimathafen für weitere Tierabbildungen, diesmal auf größeren Leinwänden, die wiederum auch neuen Besuch finden. Tintenfisch, Schaf, Seemöwe, Schnecke, Schlangenkopf – sie finden auf Bildern Einzug. Psychogramme entdeckter eigener Anteile, Symbolträger für Beziehungsfelder im Inneren wie im Äußeren.

Herbst 2017 bis zum Sommerbeginn 2018: Nach einem strukturellen Desillusionsjahr oder auch Re-integrations-Jahr in meinen Beruf als Kunstlehrerin an einem Gymnasium, stelle ich zum einen mit Distanz fest, dass meine ganzheitliche Bedürftigkeit und spielerische Tieridentifikation doch mehr mit meinem Prozess als Mensch zu tun hat, und viel weniger fantastisch aber als Brücke zu einer kühlen Wahrheit über mich, meinen Konflikt Lehrer- und Künstler zu sein. Nach einem Jahr zurück zum Hafen, stellte ich überraschend fest, dass ich statt aus dem Beruf mich heraus-, mich hineinbewegt habe – wobei ich im Januar das nächste Sabbatjahr anmeldete, angeregt vom Traum ein Jahr in einem Atelier in Paris zu hausen. In meinen Unterricht begann ich mich mit meinen Ideen und Entwicklungen, meiner eigenen Heldenreise und seiner exakten Struktur – die mir geholfen hatte meine eigenen Wünsche und Sehnsüchte, meine eigene Stimme zu finden – den Schülern zur Verfügung zu stellen.

Endlich Sommer.

Auf dem Weg nach New Mexico begann bereits der erste Wechsel. Der Eintritt allein war vergleichbar mit »Und täglich grüßt das Murmeltier«, da ich Freitag, Samstag, Sonntag und Montag zum Flughafen hin- und zurückgefahren bin, in der Hoffnung einen Platz im Flieger zu erhalten. Im Vorfeld passierten viele innere weitere Sicherheitsgefahren, die ich künstlerisch mithilfe der Tiere zum Ausdruck brachte. Die Papageiengeschichte hatte sich bereits dort schon erweitert, ich war den Camino auch von Portugal die Küste entlang, Galizien im Süden hochgelaufen – der Aufschrei des Schmerzes im Schlangenkopf, auch Dank Francis Bacons Biografie, und später die Seemöwe im Kampf mit dem Tintenfisch – mein Jahresbeginn und die Osterwende. Als ich an einem Dienstag dann endlich die Reise nach Santa Fe beginnen durfte, auf New Mexico bereits Dank Georgia O’Keeffes Biografie eingestimmt war, voller Lust und Vorfreude auf Freilichtmalerei. Die ersten Tage noch ankommend, die innere Aufruhr und den Beziehungsstatus verarbeitend, fand ich mich ohne Netz, Internet inmitten des Santa Fe Nationalwaldes wieder, erneut durch das Laufen, die Tierbegegnung in der Natur – morgendliche Streifenhörnchen, Hasen, Rehe und Hirschkühe – mich abkühlen lassend und zugleich einsam mich mit der Umgebung sowie der großen Caminoreise schriftlich befassend nach und nach ankommend zu fühlen.

Die gemeinsame Mutprobe lag dann in den Fußmarsch in die reine Wildnis – mit selbst mitgenommenem Essen, Zelt, Schlafsachen – alles auf dem Rücken, und einen Tag lang bergauf. Die Reduktion, das Erleben dieser Form von Freiheit und Verbundenheit, Sonne, Hagel. Den Wald der toten Bäume findend, und dabei an die Wanderlust Ausstellung in Berlin erinnernd, die magischen Aspens, das Malen in der Natur, das Eintauchen in die reine, wilde Natur und die Herausforderung des Weges.

Die Reise gen Westen, der Roadtrip, führte in den Norden New Mexicos, wo auf den Spuren Georgia O’Keeffes, Abiquiu und Ghost Ranch die traumhafte Kulisse nachvollziehen ließ, wie sie selbst von New York weg sich hierher hinbewegt und den Fokus auf die Landschaft gelegt hatte.

Und dann erst nach Farmington kam die Begrüßung der Landschaft auf dem Land der Navajo Nation. Bereits vorab mit dem Konzept der Kiba konfrontiert, und dem Geschenk der Tradition des Bauchnabel der Erde- Motives, das in diesen zeremoniellen Orten als Initiationsmöglichkeit nutzbar ist und das Bedürfnis des Wiedergeboren-werdens füttert. Von dort ging es für uns nach Utah und auf den Gebieten des Navajo Nation Reservoir – die plötzliche Begegnung mit den unglaublichen Sandsteinformationen und anderer Gesteinsformationen im Tal der Götter, »Valley of the Gods«, erschlug mir fast das Herz und brachte mich in die Knie. Mein Zeichenbuch aus der Hand kaum lassend, die Hitze kaum erträglich – war es einfach nur pure Erhabenheit, die Einsamkeit an diesem besonderen wahnsinnig bewegenden Ort. Kurz zuvor hatte ich mein Smartphone von der phantastischen Unterwasserlandschaft dieser Gesteinswüste aus dem Auto geworfen und damit zerstört, und musste zum festhalten auf meine zeichnerischen Fähigkeiten zurückgreifen. Welch Segen! Auf dem Campingplatz »Sleeping Bear« kamen wir als einzige Gäste unter, fasziniert von der Kulisse dieser magischen Gesteinsformationen. Im »Monument Valley« beschrieb mir ein Indianer die Bedeutung der Steine – die Hände von Mutter Erde, der schlafende Bär, das umarmende Paar, der Indianer mit der einzigen Feder – die Landschaft wurde zur erzählerischen Kulisse ihrer Tradition und Kultur und in mir pochte das Herz vor Glück, war hier doch eine Vorstellung am Werk, die ganz ähnlich meiner eigenen Fantasie- und Forschungsreise sich entwickelt hatte. Naturwissenschaft und Naturmythos, wie bei Beuys letzte Woche gelesen. Und zugleich fühle ich mit, wie auf einer anderen Sphäre, in einer Geheimsprache verstehend, dass die Landschaft spricht, das es heiliges Land ist. »Perhaps holiness is nothing other than the capacity for finding loveliness in all things« (Sy Montgomery) Vielleicht ist das es – die Schönheit, die Achtsamkeit, die Bedeutsamkeit dieser Landschaft wurde von den alten Kulturen wertgeschätzt und ermöglicht eine körperliche und zugleich seelische Erfahrung, die in der Freilichtmalerei, dem stundenlangen Zeichnen, skizzieren und malen vor dem Motiv ein Forschen desselben darstellt und damit eine Verbindung, ein sich aneignen ermöglicht. Ob es hier noch Tiere braucht? Sie finden ihren Weg in meine Bilder so wie sie ihren Weg in der Landschaft finden. Auf dem Grand Canyon-artigen Bild thront bereits ein Schaf, nicht exakt das weit entfernt gesichtete »Rocky Mountain big horn sheep«, sondern eher das zart-suchende, naive Schaf meiner irischen Kindheit, christlich-katholisch geprägt, das vertrauen lernen darf, den nächst richtigen Schritt gutgläubig im nächsten Moment einfach nachgeht und in den göttlichen Hirten glaubt. Meine israelischen Austauschkontakte, von denen ich mich zu Beginn meiner USA Reise noch erholen musste, hatten mir das Bild des zum Schlächter laufenden naiven Schafes vorgehalten. Unsere kulturellen Hintergründe prägen eben doch wie wir auf die Tiere, die Landschaft und ihre Deutung für uns blicken. Doch längst ist die Reise keine Ablenkung von der Realität, sondern eine Begegnungsfläche mit dem Höheren, das letztlich in mir drin wiederzufinden ist, das ich mit nach Hause nehmen kann. Das dann letztlich bei mir zuhause denselben blauen Himmel, dieselbe sandfarbene Gesteinsfarbe erhält, wie die israelischen Wüstenbilder, die ich im Oktober malen und erforschen durfte. Naturwissenschaft und Naturmythos, Kunst als subjektiver Erkenntnisweg. Eben so wie bei Beuys.